Dieser Bericht wurde von meinem Großonkel Bruno Stielow im Sommer 1945 geschrieben
 
 

Meine Flucht aus der Heimat



Mit Spannung wird das Vordringen der Russen, welche bei Neustettin durchgebrochen sind und auf Richtung Köslin vorgehen, schon seit Tagen verfolgt.Schon wurde gemeldet: "Der Russe steht in Labes!" Wehrmachtsbericht vom 02.05.1945 bestätigt diese Meldung und besagt gleichzeitig, daß der Russe bei Labes zum Stehen gebracht wurde, Gegenmassnahmen sind im Gange.

Am 03.03.1945 nachmittags 17:30 Uhr herrscht Aufregung im Ort Roman, der Russe befindet sich in Meseritz (9 km von Roman entfernt). Georg Döpke fährt mit Strenge nach Petershagen, um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Eine persönliche Anfrage an Döpke, bei seiner Rückkehr war erfolglos. Döpke erklärte, es sei nichts. Wie sich später herausstellte, ist der Russe tatsächlich in der Gegend.

Um ca. 21:00 Uhr erhält Roman Packbefehl. In meinem Haus befinden sich außer 4 Familien, als Flüchtlinge 4 Frauen und 7 Kinder, darunter von Vetter Hermann Treptow die Tochter mit 2 Kindern.

Um 22:30 Uhr Befehl vom Bürgermeister durch Anruf: "Alles was keine Fahrgelegenheit hat, Frauen und Kinder, sowie Alte und Kranke versammeln sich auf dem Bahnhof." Der Zug fährt über Greifenberg-Stepnitz. Alle Gespanne werden in Gang gesetzt. Meine Tochter Anneliese habe ich vorsichtigerweise am 01.03.1945 mit einem Wehrmachtstransport bis Pasewalk mitgeschickt. Selbige sollte sich dort bei Karl Mallon in Jatznick einfinden, wo Sammelpunkt für uns alle sein sollte. Meine Frau hat Fahrgelegenheit mit Nachbar Pommering, welcher den Auftrag hat, die Akten der Molkerei nach Altentreptow in Sicherheit zu bringen. Während meine Frau noch packt, schaffen Eugen (mein polnischer Gehilfe) und ich Gepäckstücke zum Bahnhof. Unter den mit der Bahn beförderten Hausinsassen befinden sich Vater und Schwester.
01:15 Uhr, 04.03.1945 fährt der Zug aus Roman. Ein weiterer soll folgen. Als der Zug weg ist, erkundige ich mich nach Abfahrzeit des Nachbarn Pommering. Gepäckstücke meiner Frau werden verstaut.

01:45 Uhr Abfahrt. Ich bin allein. Außer mir ist noch mein Nachbar Riwoldt anwesend. Als Angehörige des Volkssturms fühlen wir uns verpflichtet, im Ort zu bleiben. Wir gehen gemeinsam zu Lappe und erhalten dort zwei Flaschen Cognak, einige Flaschen Wein und den Hausschlüssel. Marlene Lorey hält an, um ein Fahrrad zu bekommen. Während ich mit Marlene Lorey nach Hause gehe und das Fahrrad aushändige, geht Riwoldt zur Tankstelle. Ich gehe noch einmal in meine Wohnung, meine gebräuchlichsten Sachen sind zusammen, dazu kommt die geerbte Flasche. Jetzt verschließe ich meine Wohnung, um im Ort Anschluß zu finden. Zum wachdienst waren Riwoldt und ich nicht eingeteilt. Alarm war auch nicht gegeben. Durchsuche das Wachlokal - alles verlassen. Gehe zur Sperre, finde keinen Posten. Die Fahrzeuge stauen sich in Doppelreihe an der Sperre. Fordere die Fahrzeuge auf, doch hintereinander zu bleiben und sich nicht gegenseitig den Weg zu versperren. Nachfragen bei einigen Angehörigen des Volkssturms ergeben: "Der Volkssturm ist aufgelöst!" So wird mir auch bestätigt, daß Kamerad P.Bock das Gepäck des Korff geladen hat, und Korff, welcher Kompanieführer ist, unterwegs ist. Gehe zur Tankstelle, um nach meinem Freund Max zu suchen. War aber nicht da. Treffe Ernst Gaedtke, welcher im Ort bleiben wollte, außerdem noch E.Prochnow, Karl Baatz. Begebe mich nun zu Riwoldt und berichte. Unser Entschluß war, nicht zu bleiben. Allerdings so lange, wie möglich. Max packt - mein Entschluß, ich will auch nach Hause und alles einstecken. Mein Freund Max hindert mich, wir wollen nicht in letzter Stunde auseinander kommen. Wie recht er hatte, sollte sich in Kürze erweisen. Ich empfand abermals Unruhe, ein Kribbeln unter den Fusssohlen. Max beruhigt - Augenblick, bin gleich fertig!-
 

Nach Hause sollte ich nicht mehr kommen, unruhig gehe ich nach draußen. Horche - russische Panzer rollen auf der Straße (03:00 Uhr früh), einige Augenblicke später schon eine wüste Knallerei. Der am Bahnhof stehende Flüchtlingszug kann vielleicht noch gerade aus dem Bahnhof gerollt sein. Nach Aussagen von Flüchtlingen soll die Maschine am Papenberg kaputt geschossen sein. Nach meinem Ermessen kann der Zug keinesfalls weiter gewesen sein.-
Die Schießerei war am Bahnhof. An ein nach Hause, da meine Wohnung sich am Bahnhof befindet, ist nicht mehr zu denken. "Max komm zum Walde!" Doch Max wollte seinen Pkw nicht im Stich lassen. So gefährlich es war - es war heller Mondschein. Greife schnell in Max´ens Küche zwei Würste, die Flasche Cognak, die ich mit haben musste. Max greift den Lebensmittelkorb. Rinn in die Garage, Licht darf nicht gemacht werden - starten - raus - ab-, alles eins.

Bahnübergang, zwei Männer. O Schreck - Russen! Nein - anscheinend Polen! Wir werden beschossen - vorbei - Glück gehabt!

(Anmerkung: der Bahnübergang ist ein Feldweg in Richtung Mallwitz)

Nach ca. 100Metern haben wir Deckung. Bettelarm, ohne Gepäck und mässig bekleidet auf der Flucht. O Schreck!

Unser Fresskorb war in der Garage geblieben. Unsere Freude war, vielleicht hat sich der Iwan durch das Brummen unseres Wagens doch blüffen lassen. Waren aber stolz, daß wir ein Transportmittel hatten. Auf Nebenwegen durch den Wald fuhren wir - nur so konnten wir entkommen. Im Walde plötzlich drei Pferde mit zwei Reitern. Konnte aber festellen, daß ein Pferd beschirrt war, also wohl Flüchtlinge. Auf der Chaussee Reselkow - Gervin - Kolberg alles voll Fahrzeuge, die seelenruhig parken, einige auch weitertrottelnd. Da ich annehmen musste, daß der Russe diese Strecke nachkommen würde, riss ich die Wagentür auf und rief den Leuten zu: "Weiterfahren, der Russe ist in Roman!" In der Gegend von Ruhnke, Strenin, nahmen wir Frau Müller und Tochter auf, die von Frau Treetzen auf die Straße gesetzt waren. So war unser Pkw voll belastet. In Jarchow verständigen wir Herrn Berzow (Batt.-Führer vom Volkssturm) von diesem Geschehen.
 

Am 04.03.1945, 07:30 Uhr haben wir Cammin erreicht.
Auffangstelle: "Marschbefehl?" "Der Russe hat uns keinen ausgestellt!" Vor Cammin trafen wir die Löschgruppe Körlin der Bereitschaft des Kreises Kolberg-Körlin. An der Auffangstelle treffen wir die ostpreußischen Kameraden, die die Löschgeräte aus Roman in Sicherheit bringen sollten. Der Bereitschaftsführer, welcher die Fahrzeuge führen sollte, war nicht anwesend. Da unser Pkw der Bereitschaft angehört, Freund Max noch Uniform trug und ich Führer der Löschgruppe Roman, so schlossen wir uns den Fahrzeugen an, was für die Weiterfahrt vorteilhaft war. Benzin war knapp. Der Kreisführer von Cammin, ein netter alter Herr, schrieb uns den Marschbefehl. Ein heisser Kaffee und Honigstullen erquickten uns. Weiter konnte ich die Früchte wahrer Volksgemeinschaft spüren. Als warme Wohltat übergab mir Frau Krahn, gebürtig aus Brückenkrug, eine Wolldecke und ein Kopfkissen. Ich fühlte mich schon etwas besser. In Stunden der Gefahr erweist sich erst recht die wahre Volksgemeinschaft. Cammin erhielt zur gleichen Zeit Packbefehl.

In den Mittagsstunden zogen wir weiter nach Wollin, überbrückten dann die Dievenow bis 10km vor Ostwine. Vor der Fähre in Ostwine erste Begegnung mit Pommerening und meiner Frau, Onkel Paul Janke und Familie, Emil Baer aus Regenwalde. (Anmerkung: Paul Janke ist eigentlich der Schwager von Bruno Stielow, die Anrede "Onkel" kam von den Kindern und ist dann übernommen worden) Auch gab es warmen Kaffee. Zur großen Freude Treffen mit Tochter Gerda, DRK-Schwester, welche ich in der Festung Kolberg eingeschlossen glaubte. Hatten auch Anweisung sich zu retten, Fußmarsch von Kolberg am Strand bis Treptower-Deep, wurden dann von einem Wehrmachtsauto aufgenommen. -Rührendes Wiedersehen in Ostwine. Auch Gerda hat nichts retten können.

Onkel Paul und Pommerening konnten früher übergesetzt werden. Unsere Fahrzeuge erreichten Swinemünde um 22:30 Uhr. Trotz aller Müdigkeit ging die Fahrt in dieser Nacht noch bis Koserow. Ein paar Stunden Schlaf (gefroren) in Pkw.
 

06. März 1945: Um 07:00 Uhr sehen Max und ich uns den Ort an. Eine Reperaturwerstelle wird entdeckt. Unser Wagen wird hingeschoben, der Vergaser streikt. Im Deutschen Haus bekommen wir ein Kännchen Kaffee. Infolge des Treffens an der Fähre können wir normal frühstücken. Als Mittag gab es guten Eintopf. Unser Wagen machte uns Sorgen.
Endlich um 18:00 Uhr, nicht geschlafen, immer gefroren, trotzdem es nicht allzu kalt war,ging es weiter über Wollgast bis Jagdkrug - eine einsam gelegene Waldwirtschaft. Halt! Dort hinein - es ist mollig warm. Hier bleiben trotz Sträuben des Gastwirtes, der unser Elend jedoch einsah. Unter den ca.30 Angehörigen des Trecks befanden sich auch einige Kleinkinder. Es wurde gelagert, so gut es ging. Max und ich schliefen auf einem Deckbett, welches wir auf den harten Fußboden gelegt hatten. Meine Decke leistete uns gute Dienste.

 

07. März 1945: Max und ich verlassen den Treck und bringen Frau Müller und Tochter nach Jarmen zu Gerda Hoppe. Schöne Frühstücksstullen, dazu ein schöner Korn sind uns sehr willkommene Dinge. Hier erfahren wir, daß auch der Zug mit den Flüchtlingen, der 01:15 Uhr aus Roman gefahren ist, gut angekommen ist. Max, der ebenfalls gern die Ankunft seiner Frau wissen möchte, beschliesst nach Anklam zu fahren. Da in der Gegend ziemlich starker Wind herrscht, müssen wir unser Unternehmen aufgeben und erreichen am Abend Greifswald, unser erstes Endziel. Wir übernachten in der Lönsschule. Für 50 Personen ein Zimmer. Wir beschliessen, im Auto zu übernachten. Um die halbe Nacht wird es kalt. Zweite Hälfte habe ich in einer Bettstelle oben in der Schule zugebracht. Natürlich gefroren. Abends zuvor versorgte uns die NSV mit Kohlsuppe, Kaffee und belegten Stullen.
 

Am 08. März holten wir uns aus dem Rathaus unsere Weiterleitungsscheine. Unser Pkw wurde abgesetzt. Inzwischen erfahren wir, daß der Flüchtlingszug schon weiter geleitet ist. Unsere Wege trennen sich, nachdem mein Freund mir von dem abgegeben hat, was er doppelt hat.

Volksgemeinschaft der Tat. Mein Zug fährt um 16:35 Uhr nach Jatznick. Ankunft bei Karl Mallon. Wiedersehen mit Mutti, Anneliese, Familie Janke, Emil Baer. Zehn Personen Zuwachs im kleinen Wärterhaus. "Geduldige Schafe gehen viele in einen Stall". Ein schöner Bohnenkaffee, Spender Onkel Emil, erregt die Gemüter.
 

09. März 1945: Onkel Emil verlässt das Quartier und siedelt nach Pasewalk über. Anneliese nimmt Verbindung auf und besorgt für mich nützliche Sachen. (Anmerkung: u.a. Benzin zur Weiterfahrt nach Rehm, 40L)
 

10. März 1945: Opa trifft in Jatznick ein. (Anmerkung: er war in Stettin von Tante Elisabeth getrennt worden)

12. März 1945: Verbindung mit Frau Harp aus Pinnow in Pasewalk.

13. März 1945: Weiterleitungsschein wird besorgt aus Jatznick nach Rehm bei Heide (Schleswig Holstein). Am selben Abend Fahrt mit Militärauto nach Pasewalk. (Anmerkung: mit dabei waren Anneliese Stielow und Heinz Janke)

14. März 1945: Um 08:00 Uhr auf dem Bahnhof Erwartung des Postzuges Stettin - Hamburg, Postschaffner Wilhelm Ducherow aus Pinnow. Zug trifft mit Verspätung ein. Abfahrt erst gegen 12:00 Uhr. Gute Unterkunft im Postwagen. Wechsel in Neubrandenburg, D-Zug. Ebenfalls gute Unterkunft. Wir fahren bis Altona, Ankunft 23:20 Uhr. Hier Übernachtung im Wartesaal. Die Verpflegung ist gut. Im allgemeinen kann wohl mit recht gesagt werden, hier klappt es ausgezeichnet. Man sieht: "Not formt den Menschen."

15. März 1945: Ab Altona 05:35 Uhr nach Lunden. 09:15 Uhr an Lunden. Wir suchen Unterkunft in Rehm. - Anneliese, Heinz Janke und ich finden nach langem Zögern ein Quartier bei Wilhelm Wolter. Während ich bei Wolter schlafe, werden Heinz und Anneliese liebenswürdigerweise von Frau Schugardt aufgenommen.

19. März 1945: Anmeldung in Lunden. Wir bekommen die ersten Lebensmittelmarken.

20. März 1945: Für uns wird ein Zimmer frei ohne Inventar. Frau Hansen überlässt uns ein nettes Zimmer. Es gibt gute Leute, welche uns mit dem Notwendigsten aushelfen. Am 20.03.1945 ferner Meldung beim Wehrmeldeamt in Heide. Besuche gleichzeitig den Kollegen Lafrenz in Heide, welcher mir Beschäftigung bietet. Meldung bei Kreis-Bauernschaft und Arbeitsamt. Die Arbeit wird am 26.03.1945 aufgenommen.

Am 25.03.1945 trifft Schwager Paul Janke mit Familie, meiner Frau (Anmerkung: Martha Stielow, geb. Janke) und Opa August Janke ein - mit der restlichen Habe. Opa wird bei Wilhelm Wolter einquartiert. Familie Janke wird für einen Nacht notdürftig untergebracht und erhält am 26.03.1945 Quartier in Lunden (Schleswig Holstein).

Ab 26.03.1945 befinde ich mich in Heide bei Lafrenz. Das Osterfest verleben wir gemeinschaftlich in Rehm. In diesen Tagen wird besonders die Sehnsucht nach der lieben Heimat wach.

1. und 2.April 1945: Eine nette Sonderzuteilung erhalte ich vom Kollegen Lafrenz. Die Arbeit in Heide ist für mich eine nette Abwechslung. Die Flieger waren unsere verhassten Störenfriede. Grössere Schäden wurden nicht angerichtet.

Am 1.Mai 1945 trifft Annelies Döpke aus Eberswalde bei uns ein, da sie unsere Adresse rechtzeitig erfahren hatte.

In der Woche vom 1. bis 8.Mai 1945 Gerüchte vom Waffenstillstand, welcher am 8.Mai 1945 verwirklicht wurde. Wir erhielten englische Besatzung. (Mit englischer und amerikanischer Waffenruhe am 5.Mai 1945, 8.Mai 1945 für alle anderen Teile). Die Besatzung war sehr loyal, allerdings nur bis 21:00 Uhr Ausgang, ab 29.Mai 1945 bis 22:15 Uhr. Keiner durfte die Stadt bzw. das Dorf verlassen. Lockerung am 1.Juli 1945. Konnte nicht von Heide nach Rehm. Sonnabend, Pfingsten, 19.Mai 1945 fahre ich nach Rehm auf eigene Gefahr. Es hat geklappt. Kollege Lafrenz sorgt sehr für unsere Verpflegung, wofür wir ihm immer dankbar sein werden.